Navigation und Service

  • 06.11.2017 15:20 Uhr
  • Rubrik Aktuelles
  • 0 Kommentare

Die Zukunft im Blick? Kommunale Investitionen im demografischen Wandel

Die Investitionstätigkeit der Kommunen in Deutschland ist häufig abhängig von der aktuellen Finanzlage und variiert deshalb stark. Die Studie „Der demografische Wandel und kommunale Investitionen“ des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsförderung Halle (IWH) zeigt, dass Investitionen zu selten mit Blick auf die zukünftige Bevölkerungsentwicklung getätigt werden. Auf lange Sicht kann dieses Vorgehen zur chronischen Unterfinanzierung wachsender Gemeinden führen, aber auch zur Überfinanzierung schrumpfender Kommunen.

Nach der aktuellen Raumordnungsprognose wird die Bevölkerungszahl in Deutschland zwischen 2012 und 2035 von 80,5 auf 78,2 Millionen schrumpfen. Diese Entwicklung verläuft jedoch regional sehr unterschiedlich.

Bevölkerungsrückgang bis 2035: Regionen unterschiedlich stark betroffen

Deutschlandkarte, die das Bevölkerungswachstum nach Kreisen von 2012 bis 2035 darstellt.Bild vergrößern Bevölkerungswachstum nach Kreisen, 2012–2035, Quelle: demografie-portal.de

Insbesondere wirtschaftsstarke Regionen werden der Raumordnungsprognose zufolge auch weiterhin eine wachsende Bevölkerung aufweisen. Das stärkste Wachstum mit bis zu 22 Prozent wird für das Umland von München erwartet. Demgegenüber schrumpft die Bevölkerung in strukturschwachen Gebieten stark. Gemeinden im Osten Deutschlands, aber auch in Nordbayern und im ländlichen Hessen und Rheinland-Pfalz werden vom Rückgang betroffen sein.

Wanderungsbewegungen sind die Hauptursache für die regionalen Unterschiede im Bevölkerungswachstum. Vor allem ländlich-periphere Gebiete verlieren Einwohner durch Abwanderung. Von Zuzügen aus diesen Gebieten und Zuwanderern aus dem Ausland profitieren wiederum wirtschaftsstarke, überwiegend städtisch geprägte Regionen.

Die Investitionen deutscher Kommunen

Je nach Kommune unterscheiden sich die kommunalen Sachinvestitionen pro Einwohner teilweise sehr stark. Wird nicht optimal in die kommunale Infrastruktur investiert, kann das schwerwiegende Folgen haben.

„Die Kommunen machen ihre Investitionen von der aktuellen Steuerkraft abhängig statt von der zukünftigen Entwicklung. Damit wird in Teilen Deutschlands Geld in Infrastruktur gesteckt, die gar nicht gebraucht wird. In anderen Landesteilen wird es dafür in 20 Jahren an Straßen und Schulen fehlen. Große Summen Geld werden also an der falschen Stelle ausgegeben“, erläutert Mitautor der Studie und IWH-Präsident Reint E. Gropp die Forschungsergebnisse.

Vor allem die südlichen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg tätigen fast flächendeckend überdurchschnittlich hohe Pro-Kopf-Investitionen. Unterdurchschnittliche Sachinvestitionen gibt es hingegen in einem Großteil der Kreise in Nordrhein-Westfalen und Hessen. In den östlichen Bundesländern sieht es ähnlich aus. Auch hier stecken nur vereinzelte Kreise durchschnittlich beziehungsweise überdurchschnittlich viel Geld pro Einwohner in die kommunale Infrastruktur. Die Folgen von zu hohen beziehungsweise zu niedrigen Investitionen reichen von unverhältnismäßig riesigen Erlebnisbädern über kaum genutzte Kläranlagen bis hin zu baufälligen Brücken und Schulgebäuden.

Szenario 1: „Weiter-wie-bisher“

Deutschlandkarte, die den kommunalen Kapitalstock im Jahr 2035 je Einwohner im Weiter-wie-bisher-Szenario anzeigt.Bild vergrößern Kommunaler Kapitalstock im Jahr 2035 je Einwohner im Weiter-wie-bisher-Szenario, Quelle: IWH (2017): Der demografische Wandel und kommunale Investitionen, S. 10

Die Studienergebnisse zeigen, dass sehr viele wachsende Kommunen relativ wenig investieren, schrumpfende Regionen aber oft eine überdimensionierte Infrastruktur aufbauen. Durch den demografischen Wandel werden sich veränderte Nutzungsintensitäten ergeben und somit neue Anforderungen an die kommunale Infrastruktur gestellt. Hier sehen die Autoren der Studie Optimierungsbedarf.

Um zu verdeutlichen, welche Regionen besonders von Fehlstellungen betroffen sind, wurde untersucht, wie sich die relativen Pro-Kopf-Unterschiede verschieben würden, sofern die Sachinvestitionen des Jahres 2013 bis zum Jahr 2035 konstant blieben.

Im Osten gäbe es nur noch mit Halle (Saale) und Jena nur noch zwei kreisfreie Städte mit einem sehr geringen Pro-Kopf-Kapitalstock. In einigen ostdeutschen Regionen würde hingegen sogar deutlich über dem Bundesdurchschnitt investiert. Verlierer dieses Szenarios wären die Kommunen in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Hessen, ihr Kapitalstock wäre zukünftig vergleichsweise gering.

Die heute überdurchschnittlich hohen Investitionen im Münchner Raum würden in 20 Jahren zu einem nur noch leicht überdurchschnittlichen Kapitalstock führen. Die Rhein-Main-Region würde bei der Beibehaltung des Investitionsvolumens von 2013 im Jahr 2035 unterdurchschnittlich in die kommunale Infrastruktur investieren.

Szenario 2: Vollkommene Nivellierung der kommunalen Investitionen

Ein zweiter Versuch der Studie zeigt, wie sich eine Nivellierung, also die komplette Angleichung des kommunalen Investitionsniveaus auswirken würde. Würden in den kommenden 20 Jahren in allen Kreisen Deutschlands einheitliche Pro-Kopf-Investitionen getätigt, so käme es vermutlich zu erheblichen Disparitäten.

Durch den demografischen Wandel käme es vor allem zu einer Schieflage zwischen den Wachstumsregionen Süddeutschlands und den schrumpfenden Regionen in den östlichen Bundesländern. Eine unzureichende Infrastrukturausstattung in Wachstumsregionen, wie dem Münchner Umland, stünde einer völlig überdimensionierten Versorgung im Süden Brandenburgs gegenüber.

Richtig auf die Herausforderungen des demografischen Wandels reagieren

Weder die vollkommene Nivellierung noch das Weiter-wie-bisher-Szenario führen zu einer erfolgreichen und langfristig sinnvollen Verteilung der kommunalen Sachinvestitionen.

Die deutsche Infrastrukturpolitik muss laut den Autoren der Studie folgende Punkte im Blick haben:

  1. Die Höhe des kommunalen Investitionsniveaus muss immer in Abhängigkeit von der zu erwartenden Nutzungsintensität der Infrastruktur bestimmt werden. An Orten, an denen ein Anstieg der Bevölkerung und somit eine stärkere Nutzung vorausberechnet wird, sollte auch mehr investiert werden.
  2. Die Sorge um einen Teufelskreis für Kommunen mit sinkender Bevölkerungszahl, die eine weiter steigende Abwanderung durch geringere Investitionen befürchten, wird laut der IWH-Studie unnötig dramatisiert. Die Gruppe der schrumpfenden Kommunen erreicht unter Berücksichtigung der Nutzungsintensitäten ein durchschnittliches Investitionsniveau.
  3. Wichtig ist ebenfalls, dass die Kommunen frühzeitig auf den demografischen Wandel reagieren. Dies gilt sowohl für wachsende als auch schrumpfende Kommunen. Laut der aktuellen Raumordnungsprognose wird sich die Diskrepanz zwischen diesen Regionen in Zukunft eher verstärken.
  4. Die Infrastrukturpolitik sollte die demografische Entwicklung im Blick behalten, um nachhaltig zu investieren. Angemessene Anreize in den kommunalen Finanzausgleichsystemen und der Landesplanung können dabei helfen, dass Kommunen schon jetzt sinnvoll auf die zukünftige veränderte Nutzungsintensität reagieren.

Auf unserer interaktiven Karte erfahren Sie mehr über die Herausforderungen und den Handlungsbedarf Ihrer Region vor dem Hintergrund der Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2035.

Wie investiert Ihre Kommune? Wird die zukünftige Bevölkerungsentwicklung berücksichtigt? Welche Investitionen erachten Sie als sinnvoll?

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und Anmerkungen!

Magdalena Schlenk und das Redaktionsteam des Demografieportals

Kommentieren Sie

noch 2500 Zeichen

Bitte geben Sie die in dem Feld angezeigten Wörter in der richtigen Reihenfolge und durch ein Leerzeichen voneinander getrennt in das Eingabefeld ein. Dies dient dem Schutz vor unerwünschten Kommentaren (Spam) von Robotern. Nur nach erfolgreicher Eingabe kann Ihr Kommentar an uns übermittelt werden.

Zusatzinformationen

Demografiestrategie der Bundesregierung

Das könnte Sie auch interessieren

Blog Wie kann man die Lebensqualität im ländlichen Raum erhalten?

Leere Bushaltestelle vor einem Feld (Foto: noxmox/Fotolia)

Keine Nachfolge für die Arztpraxis, die Grundschule soll geschlossen werden – der Leitfaden „Regionalstrategie Daseinsvorsorge“ fasst Antworten auf den demografischen Wandel aus 21 Modellregionen zusammen.mehr: Wie kann man die Lebensqualität im ländlichen Raum erhalten? …

Gute Praxis in Deutschland Demografie-Projekt Havelland

Familiencafé in Falkensee, Bürgertreffpunkt

Durch interkommunale Zusammenarbeit hat der Landkreis Havelland in Brandenburg bereits 47 lokale Projekte in den Bereichen Mobilität, Gesundheit und Pflege sowie Wohnen realisiert.mehr: Demografie-Projekt Havelland …

Studien Investitionen in Infrastruktur für Familien – ein Motor für inklusives Wachstum

Titelseite der Studie „Investitionen in Infrastruktur für Familien – ein Motor für inklusives Wachstum“

Im Monitor Familienforschung wird der spezifische Beitrag von Investitionen in Infrastruktur für Familien für Wohlstand und Wachstum zu verdeutlicht.mehr: Investitionen in Infrastruktur für Familien – ein Motor für inklusives Wachstum …

Studien Demografie-Konzepte der Kommunen in NRW

Titelseite der Studie „Demografie-Konzepte der Kommunen in NRW“

Auf Basis einer Analyse von Demografie-Konzepten von elf Kommunen und Kreisen in Nordrhein-Westfalen werden Anforderungen an eine zukunftsweisende kommunale Demografiepolitik abgeleitet.mehr: Demografie-Konzepte der Kommunen in NRW …

Zahlen und Fakten Stadt-Land-Gefälle bei der Breitbandausstattung

Karte zur Breitbandversorgung von Privathaushalten mit mindestens 16 Mbit/s nach Gemeinden in Deutschland am Jahresende 2015

Innerhalb Deutschlands bestehen erhebliche Unterschiede bei der Versorgung mit schnellem Internet. Ländliche Regionen sind meist schlechter versorgt als Ballungsräume.mehr: Stadt-Land-Gefälle bei der Breitbandausstattung …

Logo des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung




Als registrierter Nutzer anmelden

Schließen