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Gute Praxis in DeutschlandKlasse Allgemeinmedizin – Rezept gegen Nachwuchsmangel

Halle in Sachsen-Anhalt

Medizinstudentin untersucht Patientin Studierende der Klasse Allgemeinmedizin während der Praxistage, Quelle: Dr. med. Ute Schnell

Ausgangslage

Der Beruf des Landarztes leidet unter dem Ruf, sich schlecht mit Familie und Freizeit vereinbaren zu lassen, keine Möglichkeit zur Teamarbeit zu bieten und nur wenig Geld einzubringen. Das Bild eines Einzelkämpfers mit 60 bis 70 Stunden Wochenarbeitszeit schreckt viele junge Mediziner ab, so dass der Beruf einen starken Nachwuchsmangel verzeichnet. Zahlreiche Stellen auf dem Land sind unbesetzt, während gleichzeitig viele Landärzte ihre Praxen ohne Nachfolger schließen müssen oder bis weit über das Rentenalter hinaus arbeiten. In mehr als der Hälfte der Landkreise in Sachsen-Anhalt ist die Zahl der Allgemeinärzte je 100.000 Einwohner zwischen 2008 und 2013 um über zehn Prozent gesunken.

Ziele
  • die Attraktivität des Landarztberufes fördern
  • auf die typischen Abläufe und Methoden in einer Hausarztpraxis vorbereiten
  • frühzeitig einen angeleiteten und begleiteten Patientenkontakt in der ländlichen Versorgungspraxis herstellen
  • komplexe Kompetenzen für die Aufgaben, Arbeitsweisen und Entscheidungsfindungen in der Erstversorgung verstehen und erwerben
  • Kenntnisse und Praxiserfahrungen in der hausärztlichen, patientenorientierten Gesprächsführung erlangen
Konzept

Mit dem Projekt werden 20 ausgewählte Studierende ab dem ersten Studiensemester in einem festen Klassenverband auf eine spätere Tätigkeit als Haus- beziehungsweise Landarzt vorbereitet. Die speziell für die „Klasse Allgemeinmedizin“ konzipierten Seminare decken vier Schwerpunkte ab:

  • Kommunikation: Anbahnung, Verbesserung und Erhaltung der Arzt-Patienten-Beziehung mit praxisorientierten Rollenspielen
  • hausärztliche Fertigkeiten: Praxisabläufe, Untersuchungstechniken und apparative Methoden
  • integrierte Medizin: Die Studierenden bekommen die Möglichkeit, das in der Praxisphase erlernte Wissen noch einmal zu reflektieren und anzuwenden. Dazu werden die Erlebnisse noch einmal mit Dozenten und anderen Studierenden besprochen sowie Übungen an simulierten Patienten unternommen.
  • Mentorenprogramm: In der Semesterpause verbringen die Studierenden zwei Praxistage pro Semester bei einem ärztlichen Mentor aus Sachsen-Anhalt. Die Studierenden werden so durch Training von Fertigkeiten und Untersuchungstechniken sowie den kollegialen Austausch gezielt auf die Arbeit als Hausarzt vorbereitet.
Aktivitäten und Ergebnisse
  • 2011: Start der „Klasse Allgemeinmedizin“
  • Begleitung von 86 Studierenden durch 70 Mentoren in 65 Lehrarztpraxen im Studienjahr 2016
  • Ende 2016: 103 Studierende sind Teil des Projekts.
  • Die Studierenden absolvieren das Lehrangebot aus vier sich ergänzenden Teilen:

    • drei Seminare von jeweils 90 Minuten pro Semester in den Bereichen Kommunikationstraining, Fertigkeitentraining und Fallreflexionen
    • jeweils zwei Praxistage pro Semester mit sogenannten gezielten Aufgabenstellungen und genauer Dokumentation der Praxiserfahrungen
Besonderheiten
  • Eine standardisierte Online-Befragung wurde mit allen Teilnehmern der „Klasse Allgemeinmedizin“, insgesamt 38 Personen, in den Jahrgängen 2011 und 2012 durchgeführt. Die Befragung erfolgte jeweils zum Ende des ersten Sommersemesters und nutzte eine adaptierte Version des Heidelberger Inventars zur Lehrevaluation (HILVE-II) und das Berliner Evaluationsinstrument für selbsteingeschätzte, studentische Kompetenzen (BEvaKomp). 2016 wurde dieser erste Evaluationsbogen überarbeitet. Eine Evaluation mit allen Studierenden der Klasse Allgemeinmedizin findet seitdem jährlich zum Ende des Sommersemesters statt.
  • Eine Veröffentlichung zur ersten Evaluation der „Klasse Allgemeinmedizin“ ist 2017 in der Fachzeitschrift GMS Journal for Medical Education erschienen.
  • Die Klasse Allgemeinmedizin hat den 2. Platz in der Kategorie „Bewegen“ beim Demografiepreis Sachsen-Anhalt 2015 belegt.
Finanzierung
  • Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt durch monatliche Stipendien für Studierende
  • Deutsche Apotheker- und Ärztebank
Beteiligte

Medizinische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt, Hausärzteverband Sachsen-Anhalt

Website
Ansprechpartner
Susanne Mittmann M.A. (Lehrkoordinatorin)
Prof. Dr. med. Thomas Frese (Institutsdirektor)
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Medizinische Fakultät, Sektion Allgemeinmedizin
Magdeburger Str. 8
06112 Halle (Saale)
Telefon: 0345 5575336
E-Mail: susanne.mittmann@uk-halle.de

Zusatzinformationen

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