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Gute Praxis in DeutschlandApfelernte mit Geflüchteten zur Finanzierung von Deutschkursen

Gemeinde Benningen am Neckar in Baden-Württemberg

Geflüchtete und Ehrenamtliche mit geernteten Äpfeln Apfelernte: Schluss für heute, Quelle: Karlheinz Hassis

Ausgangslage

In der rund 6.200 Einwohner zählenden Gemeinde Benningen im Landkreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg befindet sich eine größere Anzahl an Streuobstwiesen, die in den Händen verschiedener Eigentümer liegen und aufgrund des Alters der Besitzer häufig nicht mehr abgeerntet werden können. Gleichzeitig lebten im Sommer 2014 in Benningen 56 Geflüchtete, größtenteils noch ohne Anerkennung mit Aufenthaltserlaubnis. Sprachkurse waren nur für Geflüchtete mit hoher Anerkennungswahrscheinlichkeit vorhanden, etwa aus Syrien oder Eritrea. Um auch anderen Geflüchteten Sprachkurse – und somit den Zugang zum Arbeitsmarkt – zu ermöglichen, haben Mitarbeiter des örtlichen Arbeitskreises Asyl eine ungewöhnliche Idee entwickelt: Mittels Apfelernten auf „Streuobststückle“ und dem Pressen von Saft sollte Geld für Sprachkurse generiert werden.

Ziele
  • zusätzliche Sprachkurse für diejenigen Geflüchteten finanzieren, für die Sprachkurse des Jobcenters nicht zur Verfügung stehen
  • Geflüchteten ohne Arbeitserlaubnis ermöglichen, ihren Alltag zu strukturieren
  • Austauschmöglichkeiten zwischen Geflüchteten und Einwohnern schaffen, gesellschaftliche Akzeptanz von Geflüchteten stärken
  • örtliche Streuobstwiesen auch im Sinne des Umweltschutzes „reaktivieren“, verwertbares Obst weiterverwenden anstatt es verkommen zu lassen
  • mehrjährige Durchführung, um die Finanzierung langfristig zu sichern
Konzept

Das Projekt versucht, durch gemeinsames Apfelernten die Akzeptanz und Integration von Geflüchteten in der Gemeinde zu erleichtern, die Flüchtlingsarbeit finanziell zu stärken und „in Vergessenheit geratene“ oder aus Altersgründen nicht mehr bearbeitete Streuobstwiesen wieder zu nutzen. Um dies umzusetzen wurden die Besitzer von Streuobstwiesen über lokale Zeitungen dazu aufgerufen, ihre Wiesen zur Verfügung zu stellen. Weiterhin hat das katholische Dekanat Ludwigsburg „Neue Horizonte“ das Projekt durch die Anschaffung von Säcken, Eimern und Apfelpflückern unterstützt. Den Transport führen Ehrenamtliche „auf eigene Rechnung“ durch.

Die geernteten Äpfel werden in einer Mosterei zu Saft gepresst und abgefüllt, der Verkauf erfolgt anschließend vor Ort in einem Gemüseladen sowie direkt durch den Arbeitskreis. Der Erlös wird in der Flüchtlingsarbeit fast ausschließlich in Sprachkurse und Fahrtkosten investiert, sodass als Eigenanteil für die Geflüchteten lediglich Kosten für Lehrbücher und sonstige Aufwendungen verbleiben. Das Projekt unterstützt den Erhalt von Streuobstwiesen, fördert den Landschaftsschutz durch Bewirtschaftung und vermeidet die Verschwendung von Obst beziehungsweise verwertbaren Lebensmitteln.

Aktivitäten und Ergebnisse
  • Initiierung des Projekts im Sommer 2014, Ernte von rund 20 Tonnen Äpfeln in den ersten drei Jahren
  • im Jahr 2016 Verkauf von 3.300 Liter Apfelsaft bei einem Reinerlös von rund 2.600 Euro
  • Mitfinanzierung von Deutschkursen und entsprechenden Fahrtkosten – im Jahr 2016 Ermöglichung des Besuchs von 16 Deutschkursen für 8 Flüchtlinge
  • 2015 und 2016: Beginn der ersten Berufsausbildungen von Geflüchteten, die durch das Projekt ihre Deutschkenntnisse bis zum Sprachniveau B1 und B2 entwickeln konnten
  • langfristige Fortführung des Projekts in 2017 und darüber hinaus
Besonderheiten
  • Auszeichnung mit dem Karl-Mommer-Preis der SPD Kreis Ludwigsburg im Juni 2015
  • Auszeichnung als eine von 17 Initiativen im Bundeswettbewerb Menschen und Erfolge 2015 „In ländlichen Räumen willkommen!“ durch Bundesministerin Barbara Hendricks
  • Erwähnung im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ in der Handreichung „Willkommenskultur vs. Rechtsextremismus“
  • Vorbildfunktion für viele ähnliche Projekte von anderen Asyl-Arbeitskreisen
Finanzierung

Das Projekt trägt sich weitgehend selbst, die anfallenden Transportkosten und der Arbeitsaufwand werden ehrenamtlich geleistet, notwendige Arbeitsmaterialien wurden gespendet.

Beteiligte

Das Projekt wird vom Arbeitskreis Asyl Benningen / Neckar e.V. organisiert; Unterstützung kommt vonseiten des katholischen Dekanats Ludwigsburg „Neue Horizonte“ sowie von privaten Grundbesitzern und einem örtlichen Gemüseladen.

Ansprechpartner
Karlheinz Hassis
Vorsitzender AK Asyl Benningen e.V.
Postfach 37
71724 Benningen a.N.
Telefon: 07144 7060504
E-Mail: vut-ing-buero@email.de, info@ak-asyl-benningen.de
Internetseite: www.ak-asyl-benningen.de

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