Navigation und Service

  • 03.12.2018 15:30 Uhr
  • Rubriken Aktuelles, Aus der Redaktion
  • 0 Kommentare

Mobilität in Deutschland: Sind Bus und Bahn eine Alternative zum Auto?

Nicht erst durch die Dieselfahrverbote rücken andere Verkehrsmittel als Alternative zum Auto in den Fokus. Die unkomplizierte Erreichbarkeit von Arzt, Schule und Supermarkt betrifft auch die gleichwertigen Lebensbedingungen in den Regionen. Gerade ländliche Regionen stehen vor der Herausforderung, wie sie die Mobilität vor Ort sichern können. Eine Zusammenschau von aktuellen Fakten und guten Projektbeispielen.

70 Millionen Menschen leben in einer Luftliniendistanz von 600 Metern zur nächsten Bushaltestelle oder 1,2 Kilometern zum nächsten Bahnhof mit mindestens 20 Fahrtmöglichkeiten. Was sich auf den ersten Blick gut anhört, bedeutet in der Praxis jedoch: 88 Prozent der Bevölkerung können den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) einmal pro Stunde und Richtung zwischen 7 und 17 Uhr nutzen. Der Ausflug am Sonntag ist damit nicht abgedeckt, denn die Taktung bezieht sich nur auf Werktage.

Schnelle und flexible Verfügbarkeit von Mobilität ist damit vielerorts nicht gewährleistet, wie die Studie „Verkehrsbild Deutschland – Angebotsqualitäten und Erreichbarkeiten“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zeigt.

In 45 Minuten ins Zentrum mit den Öffentlichen: (Fast) Flächendeckend möglich

Die durchschnittliche Fahrtzeit ins nächstgelegene Zentrum ist ein wichtiges Kriterium für die Verbindungsqualität im öffentlichen Nahverkehr. Die Erreichbarkeit der Arbeitsstelle, von Bildungseinrichtungen oder medizinischer Versorgung kann davon abhängen. 95 Prozent der Bevölkerung können in 45 Minuten mit Bus und Bahn das nächstgelegene Zentrum erreichen.

Der öffentliche Verkehr in Stadt und Land ist jedoch nicht das Gleiche. In dünn besiedelten ländlichen Kreisen haben knapp 60 Prozent Zugang zu einem guten ÖPNV-Angebot. Doch 12 Prozent der Bevölkerung, vorwiegend in peripheren ländlichen Räumen, sehen in ihrer Region keine Alternative zum eigenen Auto.

Zum Vergleich: In kreisfreien Großstädten hat nahezu jeder Einwohner Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Schnell eine Straßen- oder U-Bahn erreichen, das können nur 16 Prozent der Bevölkerung in fußläufiger Entfernung von 600 Metern.

Anteile der Verkehrsmittel am Verkehrsaufkommen nach RaumtypBild vergrößern In Deutschland wird ein Viertel aller Wege zu Fuß zurückgelegt und 11 % mit dem Fahrrad. Der öffentliche Verkehr kommt auf 10 %., Quelle: Mobilität in Deutschland (MiD) 2017

Auto gehört zum Standard in ländlichen Regionen

Die gute Erreichbarkeit des öffentlichen Verkehrs spiegelt sich auch in der Verkehrsmittelwahl wider: Im städtischen Raum werden bis zu einem Fünftel der Wege mit dem ÖPNV zurückgelegt, in ländlichen Regionen macht der Anteil am gesamten Verkehrsaufkommen nur 5 bis 7 Prozent aus. Eine hohe PKW-Orientierung ist hier die Regel. 90 Prozent der Haushalte verfügen außerhalb der Städte über mindestens ein Auto. Und die Automobilität wächst hier weiter.

Leichter Anstieg bei der Nutzung des ÖPNV

Immerhin 39 Kilometer werden pro Person in Deutschland täglich zurückgelegt. Betrachtet man die Entwicklung der Mobilität in Deutschland seit 2002, zeigt sich, dass der öffentliche Verkehr einen leichten Zuwachs erfahren hat.

Bundesweit wird aktuell jeder zehnte Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. 2002 war es noch jeder zwölfte Weg. Auch das Fahrrad ist ein Mobilitätsgewinner, der Anteil an allen Wegen ist seit 2002 von 8 auf 11 Prozent gestiegen. Knapp 60 Prozent der Wege in Deutschland entfallen auf das Auto, wie die BMVI-Studie „Mobilität in Deutschland 2017“ zeigt.

Studie „Mobilität in Deutschland (MiD) 2017“

Von Juni 2016 bis September 2017 wurden bundesweit etwa 155.000 Haushalte zu ihrer Mobilität befragt. Die Vorgängererhebungen fanden 2002 und 2008 statt. Die Daten der Studie des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) sind wichtige Planungsgrundlage für die Verkehrsplanung und die Ausgestaltung der Verkehrspolitik in Deutschland. > zur Studie

Doch wie wird sich dies in Zukunft gestalten? Für die jüngeren Generationen ist das Auto nicht mehr so wichtig als Statussymbol, während die Autovorliebe der älteren Generation ungebrochen ist.

Gute Praxis für bessere Mobilität

Die Sicherung der Mobilität ist ein wichtiger Bestandteil der Daseinsvorsorge, die Kommunen leisten müssen. Der nächste Arzt, Supermarkt oder die Freizeiteinrichtung muss auch ohne Auto erreichbar sein. Doch der konventionelle Linienverkehr gilt in vielen ländlichen Regionen nicht mehr als tragfähig. Aber es gibt sie bereits, die innovativen Mobilitätsformen in den Regionen Deutschlands.

Bürgerbusse mit vielfältigen Einsatzzwecken

Bei Kita-Mobil werden die Kinder in der Verbandsgemeinde Beetzendorf-Diesdorf in Sachsen-Anhalt von der Haustür aus direkt in die Kita gebracht, der Kombibus in der Uckermark transportiert neben Fahrgästen auch Waren.

Die ehrenamtlichen Fahrer des Bürgerbus Schüttorf-Ohne-Wettringen sind zwischen zwei Gemeinden in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen unterwegs, über das Logistiksystem werden auch Medikamente direkt an der Haltestelle oder im Dorfladen übergeben. Um die medizinische Versorgung älterer, immobiler Patienten kümmert sich auch das Zahnarztmobil Osterwieck in Sachsen-Anhalt.

Individualverkehr und öffentliche Fahrzeugkapazitäten mit einbeziehen

Die Verknüpfung von öffentlichem Nahverkehr und Privat-PKW – das ist das Konzept der NVV-Mobilfalt für die ländlichen Regionen Hessens. Im hessischen Vogelsberg wird E-Mobilität im Rahmen des „Dorf-Elektro-Carsharing“ praktisch erprobt. Dies soll die Tendenz zum Zweit- und Drittwagen in der Region verringern.

Beim Projekt „Mobilitätsressourcenmanagement Mitte Niedersachsen (MOREMA)“ sollen un- oder untergenutzte öffentliche und halb öffentliche Fahrzeugkapazitäten in 16 Kommunen für einen alternativen ÖPNV aktiviert werden. Hierzu zählen zum Beispiel Kleinbusse der Feuerwehr.

Überwindung des letzten Kilometers und Barrierefreiheit

Im Kreis Borken in Nordrhein-Westfalen setzt man auf „MObile VIElfalt“, um kleine Ortsteile besser an die Zentren anzubinden. „Mobisaar – Mobilität für alle“ arbeitet daran mobilitätseingeschränkten Menschen die Nutzung von Bus und Bahn auch in ländlichen Gegenden im Saarland zu sichern.

Im niedersächsischen Landkreis Schaumburg ist die Mobilität von Jugendlichen und Senioren auch außerhalb der regulären Fahrzeiten des öffentlichen Personenverkehrs mit dem Fifty-Fifty Taxi und Senioren-Taxi gewährleistet.

Was man vom Ausland lernen kann

Nicht nur in Deutschland gibt es gute Beispiele zu Mobilität, auch in Europa steht man vor der Herausforderung, wie die Mobilität in ländlichen Räumen sichergestellt werden kann.

Im dünn besiedelten Südosten Finnlands fährt der Mallu Bus als mobiles Gesundheitszentrum mit Breitbandanschluss entlang einer festen Strecke und hält jeden zweiten Tag in jeder der acht teilnehmenden Gemeinden.

In 40 Gemeinden im Norden Luxemburgs gibt es den Bummelbus als „Anrufbus“. Mithilfe eines Computersystems werden nicht nur Anmeldungen für Fahrten aufgenommen, sondern auch Routen berechnet, die die Fahrtwünsche möglichst vieler Menschen mit ein und derselben Fahrt abdecken.

Mobilität wichtiges Thema der Demografiestrategie

Staatssekretär Kerber weist im Interview mit dem Demografieportal der Mobilität eine Schlüsselrolle zu, wenn es um gleichwertige Lebensverhältnisse in den Regionen geht. Die Demografiepolitik der Bundesregierung wird in den nächsten Jahren die „gleichwertigen Lebensverhältnisse“ verstärkt bearbeiten. Sie sind auch ein wichtiges Ziel der Demografiestrategie der Bundesregierung.

Das 2016 bis 2018 durchgeführte Modellvorhaben „Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen“ hat den Dialogprozess zur Demografiestrategie als Praxisprojekt begleitet. Die 18 Modellregionen haben insgesamt über 40 Initiativen zu einer besseren Mobilität gestartet.

Wie steht es um die Mobilität in Ihrer Region?

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.

Yvonne Halfar und das Redaktionsteam des Demografieportals

Kommentieren Sie

noch 2500 Zeichen

Bitte geben Sie die in dem Feld angezeigten Wörter in der richtigen Reihenfolge und durch ein Leerzeichen voneinander getrennt in das Eingabefeld ein. Dies dient dem Schutz vor unerwünschten Kommentaren (Spam) von Robotern. Nur nach erfolgreicher Eingabe kann Ihr Kommentar an uns übermittelt werden.

Zusatzinformationen

Studien und Berichte zum Thema

Studien Verkehrsbild Deutschland

Titelseite der Publikation „Angebotsqualitäten und Erreichbarkeiten im öffentlichen Verkehr“

Die Studie untersucht die ÖPNV-Angebotsqualitäten und Erreichbarkeiten in den Regionen.mehr: Verkehrsbild Deutschland …

Berichte und Konzepte Sicherung von Versorgung und Mobilität – Strategien und Praxisbeispiele für gleichwertige Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen

Titelseite der Veröffentlichung „Sicherung von Versorgung und Mobilität – Strategien und Praxisbeispiele für gleichwertige Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen“

Der Abschlussbericht des Modellvorhabens „Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen“ fasst die Ergebnisse der 18 Modellregionen zusammen.mehr: Sicherung von Versorgung und Mobilität – Strategien und Praxisbeispiele für gleichwertige Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen …

Studien Sicherung der Daseinsvorsorge durch regionale Abstimmung von ÖPNV- und Versorgungsstrategien

Titelseite der Studie „Sicherung der Daseinsvorsorge durch regionale Abstimmung von ÖPNV- und Versorgungsstrategien“

Die Studie untersucht am Beispiel des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Schulen, hausärztliche Versorgung, Lebensmittelversorgung und ÖPNV.mehr: Sicherung der Daseinsvorsorge durch regionale Abstimmung von ÖPNV- und Versorgungsstrategien …

Blog Raumordnungsbericht 2017 – Daseinsvorsorge im Blick

Landschaft mit Wiesen und Windkraftanlagen mit Dorf im ländlichen Raum (Quelle: Sören Bonsert / BLE)

Der vom Bundeskabinett verabschiedete Bericht „Daseinsvorsorge sichern“ informiert darüber, wie weit das Ziel der Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Deutschland erreicht ist.mehr: Raumordnungsbericht 2017 – Daseinsvorsorge im Blick …

Gute Praxis zur Mobilität

Gute Praxis in Deutschland Kita-Bus

Sechs Kita-Kinder und zwei Erwachsene stehen vor dem bunt bemalten Kita-Bus

Im dünn besiedelten Osterburg in Sachsen-Anhalt bringt der Kita-Bus Kinder in „Dorf-Kindergärten“. So wird der Schließung von ländlichen Kitas entgegengewirkt.mehr: Kita-Bus …

Gute Praxis in Deutschland Flexible Bedienformen im Öffentlichen Personennahverkehr

Logo mit Schriftzug „Werkzeugkasten zur Einführung und Weiterentwicklung von flexiblen Bedienformen und Bürgerbussen in der Metropolregion Hamburg“

Das Projekt analysiert flexible Verkehrskonzepte in der Metropolregion Hamburg und hat einen Werkzeugkasten mit Empfehlungen entwickelt.mehr: Flexible Bedienformen im Öffentlichen Personennahverkehr …

Gute Praxis in Deutschland Verzahnung von ÖPNV- und Schulentwicklungsplanung

Zuständigkeitsbereiche der Schulträger im Kreis Dithmarschen, farblich markiert, mit allen Schulstandorten (schwarz)

Im Landkreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein geht die Bevölkerung bis 2030 stark zurück. Daher wird die Entwicklung von Mobilität und schulischer Infrastruktur gemeinsam gedacht.mehr: Verzahnung von ÖPNV- und Schulentwicklungsplanung …

Internationale Gute Praxis Mobipunten

Mobipunten-Beispielskizze

In Belgien werden Mobilitätszentren (Mobipunten) errichtet, die verschiedene Mobilitätsangebote wie Carsharing und Fahrradverleih bündeln.mehr: Mobipunten …

Logo des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung




Als registrierter Nutzer anmelden

Schließen