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  • 12.12.2016 09:50 Uhr
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Flüchtlinge im ländlichen Raum: Wie Integration gelingt

„Die ländlichen Räume sind bei der Integration schon heute oft besser, als viele denken“, so Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei der Integrationskonferenz des Deutschen Landkreistages in Berlin. Dies bekräftigt eine aktuelle Studie des kommunalen Spitzenverbandes, die auf der Veranstaltung präsentiert wurde. Sie fasst gelungene Beispiele für die Integration aus 18 Landkreisen zusammen.

Bundesinnenminister de Maizière bei seiner Rede auf der Integrationskonferenz des Deutschen LandkreistagesBild vergrößern Bundesinnenminister de Maizière: „Was der Staat für die Integration im ländlichen Raum macht, das sollte er immer auch für die gesamte Region tun.“, Quelle: Deutscher Landkreistag

De Maizière betonte in seiner Rede die schwierige Ausgangslage für ländliche Regionen: „Die größere Verbundenheit der Alteingesessenen auf dem Land kann die Integration sowohl erschweren als auch erleichtern.“ Integration im ländlichen Raum sei deswegen kein Nebenschauplatz unserer Integrationsbemühungen – sie sei eine Hauptaufgabe.

So sieht es auch der Burgenlandkreis. Die Region mit insgesamt 184.000 Einwohnern im Süden Sachsen-Anhalts ist sehr ländlich geprägt. Daraus entstehen gegenüber Großstädten Vor- und Nachteile bei der Integration von Flüchtlingen, wie Landrat Götz Ulrich des Burgenlandkreises in der Studie berichtet. Die fehlende Migrationserfahrung der Landbevölkerung erschwert das Ankommen in der Gemeinschaft vor Ort, auch die Wege zu Sprachkursen oder Praktika sind länger. Von Vorteil ist, dass der Kontakt mit der deutschen Bevölkerung unmittelbar entstehen kann, da die „Communities“ der eigenen Landsleute fehlen.

Landkreise haben zentrale Rolle bei Integration

Der Präsident des Landkreistages, Landrat Reinhard Sager, formulierte bei der Eröffnung der Integrationskonferenz: „Die Landkreise können die herausfordernde Integration von Flüchtlingen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt meistern. Integration darf nicht scheitern. Gerade die Landkreise haben ein ausgeprägtes Interesse daran und sind der Ort, an dem wesentliche Weichen für eine gelingende Integration gestellt werden.“ Und weiter: „Wir fördern Integration, wir fordern sie aber auch ein!“

Die untersuchten 18 Landkreise unterscheiden sich stark. Die Studie zeigt jedoch: Egal ob bevölkerungsreich oder -arm, strukturstark oder -schwach, erfolgreiche Integration ist unabhängig von diesen Faktoren in jedem Landkreis zu schaffen. Diese kommunale Ebene verfügt einerseits über die notwendigen Strukturen. Andererseits ist sie nah genug an den kreisangehörigem Städten und Gemeinden, das heißt den Menschen vor Ort.

Zusammengefasst: Die Studie sieht in den Landkreisen die richtige kommunale Ebene für die Aufgaben der Integration. Als Träger von Ausländer- und Sozialbehörden, von Jugendämtern und Jobcentern oder auch im schulischen Bereich haben Sie viele Berührungspunkte mit wichtigen integrationspolitischen Handlungsfeldern.

Bündelung von Maßnahmen führt zum Erfolg

Integration gelingt immer dann besonders gut, wenn alle Maßnahmen und Aktivitäten bei einer Stelle gebündelt werden. Der einzelne Flüchtling kann mit seinen konkreten Bedürfnissen so besser in den Blick genommen werden. Dies ist eine wesentliche Erkenntnis aus den Gesprächen mit den Landräten im Rahmen der Studie. Ein solch gelungenes Beispiel ist das Migrationszentrum im Landkreis Osnabrück. Es steht allen Zuwanderern im Landkreis offen, auch Menschen mit Migrationshintergrund, die bereits seit längerem im Osnabrücker Land leben. Im Burgenlandkreis entsteht derzeit ein Migrationszentrum. Ab Frühjahr 2017 arbeiten hier etwa 70 Mitarbeiter aus Integrations- und Ausländeramt, kommunalen Jobcenter und weiteren Behörden zusammen.

Studie „Integration von Flüchtlingen in den ländlichen Raum – Strategische Leitlinien und Best Practices

Die Studie des Deutschen Landkreistages stellt Praxiserfahrungen von 18 Landkreisen in den für die Integration wichtigen Handlungsfeldern Wohnen, Sprache, Arbeit und Ausbildung, Schule und Bildung, Ehrenamt sowie gesellschaftliches Zusammenleben dar und macht diese anhand von guten Beispielen für andere Kommunen nutzbar. Das Projekt zeigt, auf welche Weise Integration gelingen kann. Insgesamt wurden 150 Einzelinterviews mit Landräten, Integrations- oder Flüchtlingsbeauftragten sowie mit Verantwortlichen von Integrationsprojekten geführt. Zentrale Ergebnisse wurden auf der Integrationskonferenz des Deutschen Landkreistages am 2. Dezember 2016 in Berlin präsentiert und diskutiert.

Burgenlandkreis: Unterstützerstrukturen in der dörflichen Zivilgesellschaft maßgeblich

Integration gelingt in Klein- und Mittelstädten oft besser, da bestimmte Strukturen vorhanden sind. In Dörfern fehlen sie. Die Bereitschaft der Bevölkerung mitzuwirken ist also im Dorf weitaus wichtiger, so die Einschätzung des Landrats des Burgenlandkreises. Die mittlerweile elf ehrenamtlichen Initiativen bieten eine wichtige Stütze bei der Integration. Der Landkreis qualifiziert Ehrenamtliche durch Schulungen. Dafür erhalten Sie einen Ehrenamtspass und sind im Ehrenamtspool der Region registriert. Freiwilliges Engagement als starke Säule bei der Integration von Flüchtlingen fördern: Ein Ansatz, den die Studie empfiehlt.

Weitere Integrationsmaßnahmen des Landkreises werden in der Studie als Best Practice im Bereich Bildung und Arbeit hervorgehoben:

  • Zusätzliche Kindersprachkurse an der Volkshochschule: Sie fördern die schnelle Integration in den Regelunterricht der Schulen.
  • Netzwerkstelle „Schulerfolg sichern“: Ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Themen Migration und Integration von Flüchtlingen in den Schulen.
  • Schulanmeldung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen: Der Landkreis unterstützt geflüchtete Familien unbürokratisch bei der Wahl des passenden Schultyps.
  • Berufliches Integrationszentrum für Ausbildung und Arbeit für Asylbewerber und Flüchtlinge: Bislang wurden 122 Praktikumsplätze vermittelt und 26 sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse geschlossen.

Die bisher erzielten Erfolge sind nicht selbstverständlich: Ostern 2015 geriet der Burgenlandkreis weltweit in die Schlagzeilen mit dem Brand eines Gebäudes in Tröglitz, das als Flüchtlingsunterkunft vorgesehen war. Seitdem hat sich also viel getan.

Werra-Meißner-Kreis: Integration bei Amazon

Arbeiten ist wesentlich für eine schnelle Integration. Als erfolgreichen Ansatz wertet die Studie das gemeinsame Projekt von Amazon und dem Werra-Meißner-Kreis. Der Online-Versandhändler hat im Saisongeschäft bereits Flüchtlinge für Aushilfsjobs eingestellt. 38 dieser Helfer werden nun in eine befristete Beschäftigung übernommen. Wichtiger aber ist noch die Rolle des Unternehmens als Ausbilder.

In einem bundesweiten Pilotprojekt sollen Flüchtlinge bei Amazon am Standort Bad Hersfeld zu Fachlageristen ausgebildet werden. Die Maßnahme deckt sich mit der Empfehlung der Studie, dass eine Berufsausbildung von Asylbewerbern Vorrang haben sollte vor einer schnellen Integration in Helferjobs. Der Werra-Meißner-Kreis vermittelt außerdem Ausbildungsplätze im Baubereich. Das Bauhandwerk profitiert von den dringend benötigten Nachwuchskräften.

Zentrale Gedanken gelingender Integration aus den Landkreisen

  1. Wir können uns nicht leisten, dass Integration scheitert.
  2. Menschen sind dann in unserer Gesellschaft integriert, wenn sie nicht nur mitspielen dürfen, sondern Verantwortung übernehmen können und vom Hilfeempfänger zum aktiven Teil unserer Gesellschaft werden.
  3. Es gibt keine Berechtigung, nicht sein Bestes zur Integration von Asylsuchenden zu geben.
  4. Die Herausforderung der Integration von Flüchtlingen ist eine einmalige Chance, bürokratische Strukturen zu verändern.

(Quelle: Integration von Flüchtlingen in den ländlichen Raum – Strategische Leitlinien und Best Practices, S. 12)

Neben den hier vorgestellten Beispiele bietet die Studie noch weitere erfolgreiche Ansätze. Welche gelungenen Maßnahmen zur Integration kennen Sie aus Ihrem Landkreis oder Ihrem direkten Umfeld? Welche Gedanken aus den Landkreisen teilen Sie, welche nicht? Ihre Meinung interessiert uns.

Yvonne Eich und das Redaktionsteam des Demografieportals

1 Kommentar

  • Integration braucht Arbeit (Arbeit ist das halbe Leben...und Teilhabe nicht nur für die hiesige Bevölkerung). Da, wo Mobilität im ländlichen Raum vom eigenen Auto abhängig ist und Arbeitsplätze Mangelware sind, gibt es keine Integration. Auch Maßnahmen des "Zweiten Arbeitsmarktes" sind nicht zielführend...
    28.12.2016 07:41 Uhr von Heine
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