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  • 24.11.2016 11:14 Uhr
  • Rubrik Interviews
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Andreas Minschke: „In Thüringen wird bürgerschaftliches Engagement zur Sicherung der Daseinsvorsorge immer wichtiger“

Auch in Thüringen ist der demografische Wandel spürbar. Was das genau bedeutet und wie die Landesregierung mit ihrer Demografiepolitik ansetzt, erklärt uns Andreas Minschke aus dem Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft im Interview. Neben seiner Funktion als Abteilungsleiter ist er auch „Demografiebeauftragter der Landesregierung“.

Andreas Minschke, Abteilungsleiter im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft und „Demografiebeauftragter der Landesregierung“ Andreas Minschke, Abteilungsleiter im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft und „Demografiebeauftragter der Landesregierung“

Redaktion Demografieportal: Der demografische Wandel in Thüringen, wie sieht der aus?

Andreas Minschke: Nicht anders als in den anderen neuen Ländern. Thüringen verzeichnet in den letzten 25 Jahren einen starken Bevölkerungsschwund. Zudem hat sich das Durchschnittsalter spürbar erhöht.

Demografieportal: Wie ist es dazu gekommen?

Minschke: Im Zuge der Friedlichen Revolution von 1989/1990, die in der Deutschen Einheit endete, verließen viele gut ausgebildete, vor allem junge Menschen ihre Heimat, um sich neu zu orientieren. Darunter nicht wenige Frauen und Mädchen. Sie fehlen heute als Mütter in Thüringen. Ein Phänomen, welches „demografisches Echo“ genannt wird und das bis über das Jahr 2030 Wirkung zeigen wird.

Demografieportal: Welche Herausforderungen ergeben sich daraus?

Minschke: Eine besondere Herausforderung ist die landesweite Sicherung der Daseinsvorsorge im demografischen Wandel. Dabei ist zu beachten, dass ein Großteil der Thüringerinnen und Thüringer in Siedlungsgebieten mit weniger als 5.000 Menschen lebt.

Von heute an bis zum Jahr 2035 werden etwa 370.000 Menschen weniger Menschen in erwerbsfähigem Alter bei uns leben. Gleichzeitig werden knapp 119.000 Menschen im Alter über 65 Jahre in Thüringen ihren Lebensmittelpunkt haben. Dies hat Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Nur weniger Stichworte bedarf es, um die sich daraus ergebende Brisanz zu verdeutlichen: Fachkräfte, Mobilität, medizinische Versorgung, soziale Dienstleistungen, Wohnen, die Sicherung des Rentensystems und viele weitere.

Insgesamt gehen wir die Herausforderungen aber aktiv und proaktiv an. Mit dem demografischen Wandel sind nicht nur Herausforderungen verbunden, sondern es gilt auch, sich bietende Chancen beherzt zu nutzen.

Demografieportal: In der Demografiepolitik gehen Sie die Herausforderungen mit allen Ministerien gemeinsam an. Warum?

Minschke: Das Thema demografischer Wandel gemeinsam anzugehen macht Sinn, da es alle Ressorts der Landesverwaltung betrifft. Bereits seit 2004 arbeiten wir in einer interministeriellen Arbeitsgruppe, der IMAG Demografischer Wandel. Dort vertreten sind die Ministerien, das Landesamt für Statistik sowie die kommunalen Spitzenverbände.

Demografieportal: Kommen Sie auch zu konkreten Ergebnissen?

Minschke: Ja, ganz klar. Auf ein wichtiges Ergebnis möchte ich näher eingehen, den jährlich aktualisierten Demografiebericht. Er ist weniger ein Bilanzpapier als vielmehr ein Arbeitspapier für alle, die sich mit der Gestaltung der Folgen des demografischen Wandels beschäftigen.

Demografieportal: Wie ist er aufgebaut?

Minschke: Entsprechend der eben genannten Zielstellung gliedert sich der „endverbraucherorientierte“ Demografiebericht in drei Teile. Im ersten Teil wird die Bevölkerungsentwicklung von Thüringen und seiner Regionen dargestellt. Der zweite Teil stellt dann Herausforderungen und Handlungsansätze bei der Sicherung ausgewählter Schwerpunkte der Daseinsvorsorge vor. Hierbei werden bewusst offene Fragen zur Förderung eines Diskussionsprozesses formuliert. Darauf folgt der dritte Teil oder auch „Spezialteil“. Dies sind Sonderveröffentlichungen zu Schwerpunktthemen. Im letzten Bericht ging es um seniorengerechtes Bauen und Sanieren. Auch die Fachkräfteentwicklung oder die Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die Abwasserentsorgung waren schon Themen.

Ziel des Demografieberichts ist es einerseits, die demografische Entwicklung Thüringens räumlich und zeitlich differenziert darzustellen und andererseits zu zentralen Themenfeldern Herausforderungen, Handlungsansätze und innovative Lösungsvorschläge zu formulieren.

Demografieportal: Wie kommt die Landespolitik nun von innovativen Lösungsvorschlägen zum Handeln?

Minschke: Wenn es richtig ist, dass es für die Gestaltung des demografischen Wandels keine Patentrezepte gibt, dann muss sich Politik und Verwaltung entsprechend aufstellen. Grundlagen für das landespolitische Handeln sind das Landesentwicklungsprogramm „Thüringen 2025“ und die „1. regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung“.

Ein wichtiges Diskussionsforum ist die „Runde der kommunalen Demografiebeauftragen“, in der unter anderem auch die kommunalen Spitzenverbände vertreten sind. Hier wird regelmäßig auf Einladung der Serviceagentur Demografischer Wandel ein intensiver demografiepolitischer Dialog geführt. Dies hilft uns auch, ein Gespür dafür zu bekommen, wo in den Kommunen Handlungsdruck besteht.

Demografieportal: Zum Beispiel bei der Daseinsvorsorge?

Minschke: Ja, genau, bei diesem Thema besteht Handlungsbedarf. 2016 wurde deshalb erstmals ein Wettbewerb „Modellprojekte der Regionalentwicklung - Daseinsvorsorge im demografischen Wandel“ ausgelobt. Die Resonanz auf die Frage, welche Konzepte zur Gestaltung des demografischen Wandels es gibt, war groß und ermutigend. Sechs Modellprojekte wurden ausgewählt, die über zwei Jahre mit bis zu 200.000 Euro gefördert werden.

Demografieportal: In Thüringen wird der kreative Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels belohnt. Am 28. November steht die Verleihung des Thüringer Zukunftspreises an. Was möchten Sie mit der Auszeichnung erreichen?

Minschke: Der „Thüringer Zukunftspreis“ wird seit 2012 in jedem zweiten Jahr durch das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft für herausragende Maßnahmen, Projekte und Konzepte zur aktiven und pro-aktiven Gestaltung des demografischen Wandels verliehen. Er ist mit 22.500 Euro dotiert.

In den Jahren dazwischen wird in Kooperation mit dem Landesjugendring ein „Junior-Zukunftspreis“ für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 7 bis 21 Jahren ausgelobt.

Die mit dem demografischen Wandel verbundenen Herausforderungen aber auch Chancen zu erkennen, sie wahr- und anzunehmen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Heute schon an morgen denken“ ist das Credo vieler Bürgerinnen und Bürger sowie zahlreicher Vereine, Verbände und Organisationen und so haben sie in den unterschiedlichen Bereichen Initiativen zur Sicherung der Daseinsvorsorge unter den Bedingungen des demografischen Wandels auf den Weg gebracht, die nachhaltig und zukunftsweisend sind. Mit dem „Zukunftspreis“ sollen diese Initiativen und die Menschen, die dahinter stehen, gewürdigt und die Konzepte einer breiten Öffentlichkeit zur Nachahmung zugänglich gemacht werden.

Demografieportal: Im Arbeitsgruppenprozess zur Demografiestrategie der Bundesregierung wirkt Thüringen unter anderem in der Arbeitsgruppe „Regionen im demografischen Wandel stärken“ mit. Sie leiten die Unterarbeitsgruppe „Bürgerschaftliches Engagement zur Sicherung der Daseinsvorsorge“. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Minschke: Im demografischen Wandel wird sich die Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements bei der Sicherung der Daseinsvorsorge ohne Zweifel verstärken. Dabei kann dieses Engagement nicht staatliches Handeln ersetzen - jedoch unersetzlich wertvolle Beiträge leisten.

Es bleibt dabei: Bürgerschaftliches Engagement ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Freiwillige ehrenamtliche Tätigkeit leistet darüber hinaus schon heute ganz „handfeste“ Beiträge zur Daseinsvorsorge, so zum Beispiel über die Freiwilligen Feuerwehren oder beim Katastrophenschutz.

Wichtig erscheinen mir drei Aspekte. Erstens: Zur weiteren Entwicklung bürgerschaftlichen Engagement bedarf es zukünftig verstärkt einer alters-, geschlechter- und zielgruppenspezifischen Ansprache. Zweitens: Lebenslanges wie auch zeitlich befristetes bürgerschaftliches Engagement können die Zukunftsfestigkeit unseres Gemeinwesens befördern. Es gibt kein Ehrenamt „1. oder 2. Klasse“! Und drittens: Bürgerschaftliches Engagement sollte zukünftig als unbare Leistung Anerkennung bei Förderprogrammen auf allen Verwaltungsebenen finden.

Haben Sie noch Fragen zur Demografiepolitik in Thüringen?

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Yvonne Eich und das Redaktionsteam des Demografieportals

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