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  • 02.04.2015 13:05 Uhr
  • Rubrik Interviews
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Wilfried Köhler: „Mit der ersten Demografie-Woche in Sachsen-Anhalt wollen wir für das Thema Demografie sensibilisieren“

Der dritte Demografiekongress in Sachsen-Anhalt am 9. April bildet den Auftakt für die erste landesweite Demografie-Woche vom 10. bis 17. April. Wir haben bei Wilfried Köhler, dem Leiter der Stabsstelle für demografische Entwicklung und Prognosen im Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr nachgefragt, was es damit auf sich hat. Im Interview mit uns spricht Wilfried Köhler auch über Herausforderungen, Ziele und Maßnahmen der Demografiepolitik in Sachsen-Anhalt.

Wilfried Köhler, Leiter der Stabsstelle für demografische Entwicklung und Prognosen im Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt Wilfried Köhler, Leiter der Stabsstelle für demografische Entwicklung und Prognose, Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt

Redaktion Demografieportal: Wie stark ist Sachsen-Anhalt vom demografischen Wandel betroffen?

Wilfried Köhler: Sehr stark. 1990 hatten wir hier eine Bevölkerungszahl von 2,9 Millionen, heute liegen wir bei 2,23 Millionen. Das sind also etwa 650.000 Einwohner weniger in vergleichsweise kurzer Zeit, in noch nicht einmal 25 Jahren. Das ist schon eine dramatische Entwicklung und diese gilt es zu gestalten.

Redaktion Demografieportal: Das Land Sachsen-Anhalt wirbt mit dem Slogan „Wir stehen früher auf“. Sind Sie auch beim Thema demografischer Wandel früher aufgestanden als andere?

Wilfried Köhler: Im Osten geht die Sonne früher auf. Insofern ist es schon einmal nicht verwunderlich, dass die ostdeutschen Bundesländer früher aufstehen. Aber nun zu Ihrer eigentlichen Frage: Wir haben, glaube ich, die Nase im Vergleich zu anderen Bundesländern vorn. 2002 sind mit der internationalen Bauausstellung „IBA 2010“ die Weichen gestellt worden, um den schrumpfungsbedingten Wohnungsleerstand anzugehen. Die Ausstellung hat erstmals nicht auf Wachstum gesetzt, sondern auf Gestaltung der Schrumpfung. 19 Städte im Land haben bis 2010 abgerissen, saniert, vereinzelt auch neu gebaut, Plätze neu geschaffen, Aufenthaltsqualität verbessert, all das. Da waren wir früher und mutiger als andere, und das ist auch international anerkannt worden.

Redaktion Demografieportal: Welche Herausforderungen haben sich in Sachsen-Anhalt durch den demografischen Wandel vor Ort ergeben?

Wilfried Köhler: Neben dem Wohnungsleerstand gab es auch riesige Herausforderungen im Bereich der Wirtschaft: Massenarbeitslosigkeit und viel zu wenige Ausbildungsplätze, alles gute Gründe, warum junge Menschen gesagt haben, was soll ich hier, ich hab hier keine Perspektive. Jetzt liegt die Arbeitslosenquote bei 10 Prozent, immer noch viel, aber ein Bruchteil dessen, was wir hatten. Außerdem können junge Menschen heute vor Ort ihren Ausbildungsplatz finden, sie müssen nicht mehr abwandern.

Redaktion Demografieportal: Was bedeuten diese Herausforderungen für die Ausrichtung Ihrer Demografiepolitik?

Wilfried Köhler: Im Grunde muss man sich um alle Generationen, um alle Politikfelder kümmern. Demografiepolitik ist ein Querschnittsthema. Wir können uns nicht einzelne Rosinen herauspicken. Unser Motto lautet: „Wir gestalten den Wandel“. Die Botschaft heißt, wir nehmen den Wandel an, er ist Teil unseres Lebens. Es geht nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken.

Redaktion Demografieportal: Arbeiten Sie beim Thema Demografiepolitik auch mit anderen Bundesländern zusammen?

Wilfried Köhler: Ja, das ist wichtig, denn mittlerweile ist das Thema Demografiepolitik ein gesamtdeutsches Thema. Schon die letzte Bundesregierung hat dieses Thema angefasst, zwei Demografiegipfel durchgeführt, und wir als Bundesländer, insbesondere auch die ostdeutschen Bundesländer, waren eingebunden. Ich selber leite mit einem Kollegen aus Mecklenburg-Vorpommern eine Unterarbeitsgruppe im Rahmen des Dialogprozesses zur Demografiestrategie der Bundesregierung, so dass man sagen kann, wir sind keine Insel, sondern wir arbeiten in vielfältiger Weise mit den Kollegen aus Gesamtdeutschland zusammen und darüber hinaus mit einigen europäischen Regionen.

Redaktion Demografieportal: Was ist Ihre wichtigste Aufgabe als Demografiebeauftragter der Landesregierung?

Wilfried Köhler: Als ich vor Jahren begonnen habe, die Demografiepolitik der Landesregierung zu koordinieren, war es das Wichtigste für mich, die Entscheidungsträger im Land und in den Kommunen für dieses Thema zu sensibilisieren. Mehr noch ein Bewusstsein zu schaffen, dass dieser Wandel quasi unvermeidlich ist, dass wir ihn annehmen und gestalten müssen. Ich möchte hier mal zwei Zahlen nennen, die dies verdeutlichen: In den 1980er Jahren hatten wir im heutigen Sachsen-Anhalt immer noch 40.000 Geburten pro Jahr, heute nur noch 17.000, das ist also nicht mal die Hälfte. Die Geburtenrate und die Geburtenzahl zu erhöhen, das ist auch eines unserer großen Ziele.

Redaktion Demografieportal: Die Erhöhung der Geburten ist also ein ausgewiesenes Ziel der Demografiepolitik in Sachsen-Anhalt?

Wilfried Köhler: Ja, ausdrücklich. Das haben wir im Handlungskonzept „Nachhaltige Bevölkerungspolitik in Sachsen-Anhalt“ festgeschrieben. Denn nur darauf zu setzen, dass Zuwanderung kommt und diese Lücke ausgleicht, das scheint fast vermessen und selbst wenn Menschen in größerer Zahl kommen, müssen sie auch integriert werden. Wir brauchen eine Willkommenskultur, auch das ist eine Baustelle, an der wir arbeiten müssen.

Redaktion Demografieportal: Gibt es denn Maßnahmen und Projekte, die die Willkommenskultur im Land fördern?

Wilfried Köhler: Diese sind derzeit noch im Entstehen. Das Thema Willkommenskultur vertiefen wir auf unserem Demografiekongress nächste Woche in zwei Workshops. Zum einen geht es darum, wie wir abgewanderte Fachkräfte aus Sachsen-Anhalt zur Rückkehr bewegen können. Mit unserer Integrationsbeauftragten Susi Möbbeck wollen wir auch Neuzuziehende aus dem Ausland in den Blick nehmen, unter Umständen auch Flüchtlinge. Eine Willkommenskultur ist hier zentral. Unser Innenminister Holger Stahlknecht möchte zum Beispiel, dass aus unseren Ausländerbehörden Willkommensbehörden werden. Sie sehen, wir müssen hier Mentalitäten verändern. Wir müssen die Menschen mitnehmen und müssen ihnen deutlich machen, dass Zuwanderung – wenn sie denn vernünftig gestaltet wird – eine Bereicherung ist für alle Beteiligten.

Redaktion Demografieportal: Welche Maßnahmen der Demografiepolitik von Sachsen-Anhalt können Sie noch hervorheben?

Wilfried Köhler: Da ist unsere Förderrichtlinie hervorzuheben, mit der wir seit 2010 innovative Demografieprojekte im Land fördern. Wer gute Ideen hat, soll sie auch umsetzen können und nicht daran scheitern, dass das Geld fehlt. Das Lernen von anderen ist uns auch sehr wichtig. 2011 haben wir auf Anregung Thüringens den sogenannten „Mitteldeutschen Demografie-Dialog“ mit Thüringen und Sachsen begonnen. In diesem Rahmen tauschen wir uns regelmäßig aus und haben sogar ein gemeinsames kommunales Projekt angestoßen. Seit zwei Jahren vergeben wir auch jährlich einen Demografiepreis, um besonders herausragende Projekte zu prämieren. 100 Preisideen werden jährlich eingereicht. Auch das zeigt, dass vieles in Bewegung ist, dass viele Menschen mitgehen und mitgestalten. Im Herbst vergeben wir den Demografiepreis 2015.

Redaktion Demografieportal: Sie sagen „Die Menschen gehen mit“ beim Thema demografischer Wandel, trifft das auch auf die Entscheidungsträger vor Ort zu?

Wilfried Köhler: Ja, ich würde sagen, dieses Thema ist angekommen. Bürgermeister und Landräte haben das Thema auf dem Schirm, die allermeisten jedenfalls. Vereinzelt gibt es auch kommunale Demografiebeauftragte, es ist aber nicht die Regel. Die Kommunen arbeiten mit integrierten Stadtentwicklungskonzepten, seit neuestem auch mit integrierten Gemeindeentwicklungskonzepten. Durch unsere Gemeindegebietsreformen haben wir viele große Flächengemeinden, die sich neu finden müssen, die aber umgekehrt auch die Chance haben, die Daseinsvorsorge in ihrer großen Gemeinde gemeinsam unter einer einheitlichen Verwaltungsstruktur zu organisieren. Das sind sicher Vorteile, deren Früchte wir in den nächsten Jahren ernten werden.

Banner zur ersten Demografie-Woche in Sachsen-AnhaltBild vergrößern

Redaktion Demografieportal: Stichwort „nächste Jahre“. Unter dem Motto „Zukunft im Blick“ startet nächste Woche die erste landesweite Demografiewoche. Was erwartet die Besucher?

Wilfried Köhler: Die Besucher können sich auf aktuell 125 Veranstaltungen von 100 Veranstaltern freuen. Viele Veranstaltungen werden von den Partnern der Demografie-Allianz für Sachsen-Anhalt durchgeführt. Wir als Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr führen eine sogenannte „Roadshow“ durch. Diese führt uns vom 13. bis 17. April quer durch Sachsen-Anhalt. Morgens gehen wir in Schulen, wo wir mit jungen Menschen besonders über ihre Möglichkeiten der Beteiligung diskutieren möchten. Ich persönlich möchte Jüngere motivieren, für Stadt- und Gemeinderäte zu kandidieren, um so ihre Interessen in die Politik einzubringen. Mittags wollen wir mit einem Infomobil auf dem Marktplatz sein, um dort ins Gespräch zu kommen.

Redaktion Demografieportal: Es geht also vor allem um Dialog?

Wilfried Köhler: Ja, neben den Schulen und den Marktplätzen werden wir die Rathäuser für sogenannte „regionale Dialoge“ nutzen. An jedem Tag wird ein anderer Landesminister oder sein Vertreter am regionalen Dialog teilnehmen, zum Beispiel Landesentwicklungsminister Thomas Webel. Die Idee ist, dass der jeweilige Bürgermeister die Überlegungen und stattgefundenen Diskussionen in seine Gremien einspeist.

Redaktion Demografieportal: Wie können Interessierte die Aktivitäten der Demografiewoche verfolgen?

Wilfried Köhler: Der Mitteldeutsche Rundfunk und auch ein Jugendradiosender wollen uns die Woche über begleiten. Wir hoffen, dass wir so viele Bürgerinnen und Bürgern erreichen und für dieses Thema gewinnen und zu Innovationen anregen können.

Haben Sie noch Fragen zur Demografiepolitik in Sachsen-Anhalt?

Nutzen Sie gerne die Kommentarfunktion des Blogs, um Wilfried Köhler Ihre Fragen zu stellen.

Yvonne Eich und das Redaktionsteam des Demografieportals

1 Kommentar

  • Lieber Herr Köhler, unsere Veranstaltung zur Demografiewoche finden Sie hier http://www.hugsa.net/ Aus unserer Sicht ist es wichtig, für eine gezielte und integrierte Einwanderung zu werben. Aber: Dazu müssen Sie nicht nur die erreichen, die der Einwanderung ohnehin positiv gegenüber stehen. Viel wichtiger sind die, die sich bisher noch etwas reserviert und unentschlossen verhalten. Freundlichst Ihr Dr. H. Neumann
    09.04.2015 15:47 Uhr von Dr. Neumann
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